Ausstellung

Warum Medien manchmal blind sind

Wie realistisch bilden die Medien die Welt ab? Das ist eine der Kernfragen der Medienwissenschaften – und wichtig für unsere Gesellschaft. Nicht selten weisen Medien einen blinden Fleck auf, wenn es sich um den Globalen Süden handelt, früher auch „Dritte Welt“ oder „Entwicklungs- und Schwellenländer“ genannt. Dies zeigt eindrücklich eine wissenschaftliche Untersuchung von Dr. Ladislaus Ludescher. Er hat die Wander-Ausstellung „Vergessene Welten und blinde Flecken“ aufgebaut, die bis Ende des Jahres im Journalistenzentrum Herne zu sehen ist.

Dr. Ladislaus Ludescher ist Postdoc am Germanistischen Seminar Heidelberg und akademischer Mitarbeiter an der Goethe-Universität Frankfurt sowie Lehrbeauftragter am Historischen Institut der Universität Mannheim. Grundlage seiner Ausstellung ist die Langzeitstudie „Vergessene Welten und blinde Flecken“ von Ludescher. Dafür hat er unter anderem mehr als 5100 Sendungen der „20 Uhr-Tagesschau“ aus den Jahren 1996 und 2007 bis 2019 sowie Berichte im „Deutschlandfunk“, in der „Süddeutschen Zeitung“, „Der Spiegel“, im „ARD-Brennpunkt“, bei „Anne Will“, „Hart aber Fair“, „Maischberger“, „Maybrit Illner“, in den „CBS Evening News“, „The Washington Post“, in der „Time“, „The Guardian“ und in „Le Monde“ untersucht.

In Kürze: Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Beiträge überproportional intensiv auf den „Westen“ und die Länder der MENA (Middle East North Africa)-Region konzentrieren, zu Lasten insbesondere der Staaten des Globalen Südens. Nimmt man die Bevölkerungszahlen der Länder als Grundlage, wird deutlich, dass der größte Teil des Globalen Südens stark unterrepräsentiert ist. Wenn Katastrophen, die sich im Globalen Süden täglich ereignen, für alltäglich genommen werden und daher ihren Status als „berichtenswerte“ Nachrichten verlieren, bedeutet dies ein hohes Gefahrenpotenzial für die Ausgewogenheit der medialen Berichterstattung, unterstreicht Ludescher, die im schlimmsten Fall zu einer medialen Blindheit gegenüber Menschen im Globalen Süden oder ihren Themen führen kann.

Rolle der Nachricht

Medien bilden öffentliche Diskurse nicht nur ab, betont Ludescher in einem Beitrag in der Frankfurter Rundschau, sondern generieren diese mit. Nachrichten können die Öffentlichkeit auf gesellschaftliche und politische Ereignisse und Entwicklungen aufmerksam machen und so auf direktem oder indirektem Wege politische Entscheidungsprozesse beeinflussen. Umgekehrt kann das Ausbleiben einer Berichterstattung erhebliche Auswirkungen haben.

Ein nicht gesendeter oder veröffentlichter Beitrag hingegen kann die öffentliche Meinungsbildung verhindern, denn möglicherweise hätte erst ein Bericht das Bewusstsein für die Existenz eines Themas geschaffen. Relevant für die öffentliche Meinungsbildung sei daher nicht nur jeder ausgestrahlte Bericht, sondern auch das Fehlen von Nachrichtenbeiträgen.

Das „Wo“ entscheidet zu oft

Mit den Volontär:innen in den Ausbildungskursen des Journalistenzentrums soll erörtert werden, warum das „Wo“ über die Intensität der Berichterstattung entscheidet. Beispielhaft belegt dies Ludescher: Das unterschiedliche Interesse an geografischen Regionen zeigt sich am Beispiel größerer Flutkatastrophen besonders deutlich, die sich, teilweise im Zuge von schweren Wirbelstürmen, von Juli bis Oktober 2017 ereignet haben. Jedes Jahr bedrohen tropische Stürme die Karibikregion sowie den Süden der Vereinigten Staaten. Zu der sogenannten Atlantischen Hurrikansaison 2017 gehörten die tropischen Wirbelstürme „Harvey“, „Irma“ und „Maria“, die rund 310 Menschenleben forderten und Schäden in Milliardenhöhe hinterließen. Die „Tagesschau“-Hauptsendung widmete den drei Hurrikans an 19 Tagen insgesamt 37 Minuten und 40 Sek. Berichtzeit. Dabei konzentrierten sich die Beiträge geografisch stark auf die USA.

Etwa im selben Zeitraum starben von Juli bis September infolge schwerer Überschwemmungen in Südasien, respektive Bangladesch, Nepal, Indien und Pakistan, über 2100 Personen. Schätzungsweise 45 Millionen Menschen, darunter 16 Millionen Kinder, waren von den heftigen Monsunregen betroffen. Diese Katastrophe wurde in drei Sendungen mit zwei Minuten und dreißig Sekunden Berichtzeit erwähnt.

Die Studie sowie eine Videozusammenfassung können kostenlos auf folgender Internetseite eingesehen oder heruntergeladen werden: www.ivr-heidelberg.de. Die wichtigsten Ergebnisse sind zudem zu einem YouTube-Video ausgearbeitet.

Zu sehen ist die Wander-Ausstellung bis Ende des Jahres im Journalistenzentrum Herne. Sie steht allen Interessierten während der Öffnungszeiten des Zentrums im Shamrockpark, Haus 4, offen. Anmeldung erwünscht.