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Leuchtturm-Vision am Bauzaun

Lernen am Bauzaun: Reportage oder Porträt oder Feature? Das ist die Frage vor der die Volontär:innen unseres Kurses B#54 stehen. Es geht um den Einsatz der klassischen journalistischen Darstellungsformen in der Öffentlichkeitsarbeit. Stephan Becker, Projektleiter bei den Stadtwerken Herne und Prokurist der Shamrock Energie GmbH, besucht das Journalistenzentrum in Herne. Er stellt den Teilnehmer:innen das Energiekonzept Ectogrid im Shamrockpark vor, das er betreut.

Kälte- und Wärmenetze, Wärmepumpen, Blockheizkraftwerke: Die an die Wand geworfene Präsentation ist nur Beiwerk, während sich der 53-Jährige geduldig Zeit nimmt, seinen Zuhörer:innen aus Medienabteilungen in Firmen und Kommunen in Deutschland die technischen Finessen des visionären Projekts mit Leuchtturm-Charakter nahezubringen. 

Eigentlich steht Stephan Becker dort am Zaun vor einem Leuchtturm-Projekt. Über 25 Meter erstreckt sich die künftige Schaltzentrale der Shamrock Energie GmbH in Herne. Rechts bäumen sich zwei Kessel auf: ein Warmwasser- und ein Kaltwassertank. Rohre kommen vom Chemiewerk Ineos. Zu hören ist der Klang zweier 28 PS-Motoren. So sieht die Vision zu dem Projekt aus.

Das ehemalige Zechengelände wird künftig mit einer nachhaltigen und innovativen Wärme- und Kälteversorgung ausgestattet. Ein Experiment im großen Stil. Ein Reallabor und in Deutschland bisher einmalig. Es ist eines von 20 ausgezeichneten Reallaboren für saubere Energie in Deutschland. Seit drei Jahren wird an der Realisierung gearbeitet. Ein Areal von der Größe eines Stadtviertels versorgt sich selbst mit Wärme und Kälte. „Der neue Shamrockpark bleibt in der Tradition der Energiegewinnung“, sagt Becker. „Das alte Headquarter des Kohleabbaus ist jetzt der nachhaltigen Energienutzung verschrieben.“

Der Diplom-Ingenieur für erneuerbare Energie steht neben dem Bauzaun im Shamrock-Park und deutet auf eine freie Fläche dahinter: Hier an der Grenze zum Warmwasserlieferanten Ineos soll demnächst die Schaltzentrale für das Energieprojekt „Ectogrid“ entstehen. Das Besondere: Ectogrid wird die Gebäude des Shamrock-Parks nicht nur heizen, sondern auch abkühlen – und das in Übergangszeiten sogar ohne externe Energiequelle. Durch warmes und kaltes Wasser wird ein Energieausgleich zwischen Gebäuden geschaffen. Dafür hat Becker ein passendes Beispiel parat: „Das funktioniert ähnlich wie bei einem Kühlschrank. Hier wird die Wärme abgeleitet, wodurch die Rückseite des Kühlschranks warm wird. Bei Ectrogrid passiert das Gleiche, nur in beide Richtungen.”

Im Shamrockpark Herne wird dieses Projekt, das seinen Ursprung in Schweden hat, gemeinsam von den Stadtwerken Herne sind auch die Avacon Natur GmbH und die Fakt AG getestet. „Voraussichtlich wird das Projekt circa fünf Millionen Euro kosten”, berichtet Stephan Becker. „Wir erwarten einen hohen Komfortgewinn, da Ectogrid die Bürogebäude in den immer heißeren Sommern klimatisieren kann.“

Dort, wo Stephan Becker vor seinem visionärem Leuchtturm steht, ist aktuell noch nicht viel zu sehen. Ein großes Loch im Boden, Rohre, ein Bauzaun – keine Zentrale. Das Projekt zielt auf Selbstversorgung, aber der Weg dorthin hängt von vielen Dingen ab. Zinswende, Inflation und Lieferketten sorgen für einen verspäteten Baustart, welcher statt 2022 nun 2023 beginnt.

Die Volontär:innen absolvieren im Journalistenzentrum Herne ihre überbetriebliche Ausbildung. Über vier Wochen lernen sie Grundtechniken der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit kennen. Sie schreiben, filmen und podcasten, um die diversen Medienkanäle angemessen bedienen zu können. Rund 300 junge Journalist:innen lernen so in Herne im Shamrockpark praxisnah und kollegial das Handwerkszeug für ihren Beruf. Dozent Werner Hinse bedankte sich bei Becker für dessen informativen Einsatz. Die Entscheidung für Reportage, Porträt oder Feature hat er ihnen aber nicht abgenommen.

Lernen am Bauzaum im Shamrockpark mit Diplom-Ingenieur Stephan Becker von den Stadtwerken Herne.

Foto: Werner Hinse